Home » DE » Top2 – Und dann wurden Powerpointpräsentationen vorgelesen
Problemstellung

Der erste von 3 Tagen im Schiedsrichter Anwärter Lehrgang. 20 bis 60 Personen in einem Raum und dazu 1 oder 2 Trainer. Die schon lang vorhandene Erkenntnis, dass 30 Schüler für einen ausgebildeten Pädagogen zu viele sind, egal. Die beiden Trainer, üblicherweise selbst Schiedsrichter, werden der gemischten Gruppe, im Alter von 12 bis 50 Jahren schon alles Relevante beibringen.

Das Mittel der Wahl? Natürlich, PowerPoint. Und so beginnt die Ausbildung für Schiedsrichter in Deutschland. Nach 3 Tagen und ein paar wenigen Videos reift bei vielen die Erkenntnis, dass man zwar eine Menge Folien gesehen hat, aber in Sachen Regeln und deren praktischer Auslegung keinen Millimeter weiter ist. In den letzten Jahren ist noch ein weiterer Trend dazu gekommen.

Anstelle der 3 Tage, hat man jetzt noch einen so genannten Kompaktlehrgang entwickelt. Kompakt bedeutet nichts weniger, als noch weniger Zeit bei gleichem Inhalt. Auch hier greifen alle Erkenntnisse der Diskussion um G8 oder G9 im Schulbetrieb offensichtlich ins Leere.

Zu guter Letzt ist dann noch der Lauftest sowie die schriftlicher Prüfung zu absolvieren, schon ist man ausgebildeter Schiedsrichter.

Nun ist es natürlich richtig und wichtig die theoretischen Grundlagen der Fußball-Regeln zu kennen, um diese später anwenden zu können. Hat man allerdings schon einmal jemanden gehört, der einen Schiedsrichter für sein hervorragendes theoretisches Wissen gelobt hat?

Elemente wie gutes Stellungsspiel, sicheres Auftreten, Kommunikation mit Spielern und Verantwortlichen sowie Zusammenarbeit zwischen Schiedsrichtern und Assistenten kommt in den Anwärter Lehrgängen überhaupt nicht vor. Doch genau diese sind es, die im Zusammenspiel mit den Regelkenntnissen einen guten Schiedsrichter ausmachen.

Die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen folgen heute nur einem Ziel. Hauptsache so viele Menschen wie möglich bestehen. Da kann man dann gern auch einmal zu fragwürdigen Mitteln greifen. Eine dieser Methoden, um möglichst viele Menschen „erfolgreich“ die Prüfung bestehen zu lassen ist:

  • Eine Stunde vor der schriftlichen Prüfung geht man noch einmal Regelfragen und deren Antworten durch.
  • Dann folgt eine kurze Pause.
  • Sobald man die schriftliche Prüfung umdreht stellt man fest, dass es genau die gleichen Fragen sind, welche direkt davor besprochen wurden.

Und um das Ganze dann noch abzurunden, haben die Kandidaten, welche „knapp“ am Ziel vorbei geschrammt sind, noch die Möglichkeit in nachträglichen Befragungen ihre Antworten zu korrigieren. Der Sinn des Anwärter-Lehrgangs besteht also heute offensichtlich nicht darin, qualifizierte Schiedsrichter auszubilden, sondern möglichst viele Menschen über eine gewisse Punktanzahl zu bringen. Damit sagt das Ergebnis der Prüfungen rein gar nichts über das erhaltene Regelwissen der Schiedsrichter aus.

Nun versetzen wir uns einmal in die Lage, eines Anwärters, der mit voller Punktzahl seine Prüfung bestanden hat. Vollkommen überzeugt von sich bekommt er seine ersten Ansetzungen. Nun sollte bei diesen ersten Ansetzungen immer jemand vom eigenen Verein dabei sein, damit der „Praxisschock“ nicht zu groß ausfällt. Auch hier stehlen sich die Verantwortlichen der Verbände aus unserer Sicht wieder einmal erfolgreich aus der Affäre. Die schlechte Ausbildung sollen natürlich die Vereine abfedern.

Doch die wenigsten Vereine können das zeitlich, personell und vor allem inhaltlich überhaupt leisten. Und so beginnt der Teufelskreis:

  1. Weil die Schiedsrichter nur theoretisches Wissen haben, machen diese viele Fehler.
  2. Weil sie viele Fehler machen, werden sie von Spielern, Trainern und Zuschauern äußerst kritisch begleitet.
  3. Durch die fehlende Sicherheit und das hohe Kritiklevel machen sie weitere Fehler.
  4. Irgendwann kommt dann der entscheidende Moment, wo sich viele überlegen, ob es das wirklich wert ist.

Anhand eines kleinen Zahlenbeispiels aus einem aktuellen Kreisverband, wir das Dilemma ganz gut sichtbar:

Anzahl Schiedsrichter laut Schiedsrichterliste aus November 2015: 388

Anzahl Schiedsrichter laut Schiedsrichterliste aus August 2017: 390

In der Zwischenzeit haben an den Anwärter-Lehrgängen folgende Anzahl an Menschen teilgenommen und bestanden:

  • Herbst 2015: 39 von 41
  • Herbst 2016: 42 von 44
  • Winter 2017: 19 von 34

Wenn wir nun mal alle Zahlen zusammen rechnen, ergibt sich folgendes Bild. Insgesamt wurden in diesen 3 Lehrgängen 100 neue Schiedsrichter ausgebildet. Im gleichen Zeitraum haben allerdings auch 98 Schiedsrichter aufgehört, oder wurden, aus welchen Gründen auch immer von der Schiedsrichter Liste gestrichen. Sieht das irgendwie nach Erfolg aus?

Und mit dem Anwärter-Lehrgang endet die Folienschlacht nicht etwa. Auch die regelmäßig stattfindenden „Weiterbildungen“, oder Lehrabende genannt, kommen ohne PowerPoint nicht aus. PowerPoint Präsentationen sollen eigentlich eine grafische Unterstützung des gesprochenen Wortes sein. Doch diese so simple Regel ist offenbar in den letzten Jahren in Vergessenheit geraten. Die meisten Unterlagen erinnern eher an ein Textdokument im falschen Dateiformat.

Unser Lösungsansatz

Der Anwärter Lehrgang wird deutlich mehr Praxiselemte erhalten. Unter dieser Prämisse beginnen wir bereits den ersten Tag, nicht irgendwo in einem Raum, sondern direkt auf dem Spielfeld. Warum sollten die Regeln für Spielfeld, Ball, Tore und Markierungen anhand einer Grafik gezeigt werden, wenn sie doch in echt verfügbar sind? Zusätzlich lassen wir hier bereits die ersten Praxiselemente einfließen. Wo sollte ich bei einem Eckball als Schiedsrichter oder Assistent stehen? Wie zeige ich Seitenaus, Toraus oder Abstöße an? Wie sind die Laufwege optimaler Weise?

Außerdem wollen wir auf vorhandene Technologie setzen. So verfügt heute bereits jeder über ein Smartphone, über das wir zum Beispiel Sequenzen aus den Bereiche Foul, unsportliches Verhalten und viel spannender, Abseitssituationen in die Erläuterungen von Regeln einfließen lassen werden. Die Gestaltung dieser Sequenzen zum Beispiel über Virtual Reality ist mittlerweile keine Sciene-Fiction mehr. Kostet das Geld? Sicherlich. Doch wenn damit alle Schiedsrichter, auch außerhalb der Anwärterlehrgänge üben und sicher weiter qualifizieren können, ist es eine gute Investition.

Zusätzlich dazu werden wir feste Trainerteams aufbauen, die überregional die Anwärter-Lehrgänge übernehmen. Warum das aus unserer Sicht wichtig ist? Ebenso wie Fußballtrainer müssen Lehrwarte regelmäßig mit den neuesten Methoden ausgebildet werden. Lehrwart ist daher eben keine Aufgabe, die man mal ebenso nebenbei erledigen kann. Es setzt Menschenkenntnis und eine Menge Spaß an genau dieser Arbeit mit und für Menschen voraus. Mit den überregionalen Trainerteams ermöglichen wir es außerdem, dass wir kleinere Ausbildungsgruppen bilden können, wodurch die individuelle Betreuung verbessert wird.

Tag 1 und 2 werden daher eine vollständige Mischung aus Theorie gemischt mit Praxiselementen werden. Tag 3 wiederrum steht voll und ganz im Zeichen der Praxis. Gemeinsam mit anderen Anwärtern geht es raus zu den ersten Spielen. Doch auch hier gilt immer noch, es sind Schiedsrichter in der Ausbildung. Deshalb werden diese mit erfahrenden Schiedsrichtern zu Großfeldspielen angesetzt. Vor allem im C bis A-Jugend Bereich bieten sich die regulären Spiele dafür an. Anders als heute, ist es unser Ziel, dass diese Spiele allerdings mit Funk Headsets durchgeführt werden. Unserer Erfahrung nach können die neuen so im laufenden Spiel direkt fragen und der Schiedsrichter kann direkt und situationsbezogen Verbesserungsvorschläge geben.

Ein typischer dritter Tag wird dann zum Beispiel so aussehen:

  1. Warmlaufen gemeinsam mit den anderen Teamkollegen, wodurch zum einen das Teamgefühl für den Tag gestärkt werden soll und zum anderen kann dadurch gleich der Lauftest als erledigt angesehen werden.
  2. Im ersten Spiel zuschauen und über die Headsets die Kommunikation und das Spiel verfolgen.
  3. Im zweiten und dritten Spiel selbst assistieren.

Wir stellen dadurch sicher, dass niemand im ersten Spiel allein ist, sondern von Anfang an richtiges und qualifiziertes Feedback bekommt.

Wer sich nun fragt, wann der Regeltest geschrieben wird. Ganz einfach. Die Anwärter verfügen zu diesem Zeitpunkt bereits über Kennungen und sind aufgefordert die Tests über das CoF-Center innerhalb der nächsten 2 Wochen zu absolvieren. Wer den Test nicht ablegt, erhält keine Ansetzungen. Und selbst wenn hier jemand durchfällt, ist dies kein Beinbruch. Basierend auf der Erkenntnis, dass auch heute niemand von der Schiedsrichter-Liste gestrichen wird, weil er ein Hausregeltraining nicht bestanden hat, sehen wir keinen Grund, jemanden nicht als Schiedsrichter einzusetzen, nur weil er den Anwärter-Test nicht bestanden hat.

Viele Worte und doch brennt uns eine wichtige Frage unter den Fingernägeln. Was wünscht Ihr Euch für die Aus- und Weiterbildungen?

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Kategorie: DE/Schiedsrichter
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Autor: René Jacobi
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